FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Bilder von Menschen auf der Flucht. Ihr Affizierungspotential und ihre soziale Funktion


Im Workshop sollen Fragen nach der sozialen Funktion und dem Affizierungspotential von Fluchtbildern diskutiert werden. Ausgangspunkt sind Überlegungen aus der bisherigen Arbeit unserer AG, die aktuelle Bilder von Fluchtsituationen (veröffentlicht seit Sommer 2015) und historische (Vor-)Bilder (Exodus, Völkerwanderungen, Auswanderungsschilderungen, Flüchtlingstrecks, Fluchten vor Katastrophen) vergleicht. Einerseits lassen sich vielfach Motivwanderungen erkennen, andererseits entstehen neue ikonographische Motive, etwa solche der Anlandung und Rettung von Flüchtigen im Mittelmeer. Seit Anfang dieses Jahres scheint es zu einer Verschiebung der bildlichen Darstellungen zu kommen, von Wanderzügen in offenen Landschaften hin zu Situationen an Grenzen. Waren in den letzten Jahrzehnten Grenzen durchlässiger und damit scheinbar virtuell geworden, so wird die aktuelle Reaktualisierung europäischer Binnen- und Außengrenzen möglicherweise zum neuen Schlagbild der sogenannten Flüchtlingskrise. Gegenbilder dazu erscheinen eher in den Social Media als in den Massenmedien. Dabei legen Bildthemen und -kompositionen einerseits bestimmte Affekte und Bedeutungsstiftungen nahe. Andererseits hängt es weitgehend vom Verwendungskontext ab, wie Bilder ihr Affizierungspotenial entfalten. Je nachdem wer mit welchen Voreinstellungen und Sehgewohnheiten die Bilder anschaut, wird sie anders wahrnehmen bzw. lässt sich anders von ihnen affizieren.

Im Workshop sollen an einen vorgelegten Korpus, der eine Auswahl aktueller Bilder und ikonischer Vorläufer umfasst, spezifische Fragen gestellt werden. Das soll in zwei Gruppen geschehen, die je für sich zunächst die gleichen Bilder betrachten und ihre Beobachtungen anschließend vergleichen: Welche Betrachtungsweisen, Perspektivübernahmen und soziale Positionierungen werden sowohl in den Themen bzw. Kompositionen als auch über die Rahmungen und Erscheinungskontexte nahe gelegt? Welche Bewertungen und Identifikationen werden durch bestimmte Bilder ausgelöst und welches Affektpotential bergen sie? Öffentliche Bilder verstehen wir als soziale und gesellschaftlich autorisierte Selbstbeschreibungen, die gegenwärtig zunehmend komplexer werden. Die Ubiquität des Bildlichen und die Vielfalt ikonischer Sinnbildungen ist ein Ausdruck davon.

Insbesondere bei der Analyse von Fluchtbildern ist das Spannungsverhältnis von Bild- und Sozialwissenschaften methodologisch interessant. Die Bildwissenschaften haben das Potential der Ikonizität im Visier; dabei bleiben die Differenzen der affektauslösenden Wirkungen von Bildern, je nachdem, wer das Bild produziert, es verbreitet und betrachtet, eher verdeckt. Die Sozialwissenschaften hingegen haben sich partiell Bildern zugewandt, sie unterschätzen jedoch vielfach deren ikonische Wirkmacht. Je nach disziplinärem Ausgangspunkt entstehen so ‚blinde Flecken‛, die im Workshop zur Sprache kommen sollen.

Die AG „Sozialwissenschaftliche Interpretation von Körperbildern“ trifft sich seit 2012 regelmäßig in Berlin, um theoretische Fragen, zentrale Begriffe und Konzepte sowie methodische Ansätze zur Analyse von Bildlichkeit und Visualität zu diskutieren. Wir kommen aus unterschiedlichen Disziplinen (Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichte) und wissenschaftlichen Statusgruppen. Publikation: Carnap et al (2015). Die ‚rechte Mitte’ im Bild – Eine rekonstruktive Bildanalyse zum NSU. In: sozialersinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 16(1).


Erhard Stölting

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