FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Das Mittelmeer als Wimmelbild. Visualisierung und Narrativierung der ‚Flüchtlingskrise‘ in Merle Krögers Roman Havarie, 2015, und Philip Scheffners Dokumentarfilm HAVARIE, 2016


Der deutsche Kulturbetrieb nimmt die aktuellen Dramen um Flucht inner- und außerhalb der ‚Festung Europa‘ sowie die politischen Debatten um Teilhabe der Geflüchteten an ‚unserer‘ Gesellschaft seismografisch auf. Einen zentralen Stellenwert neben den kulturellen Produktionen selbst nehmen die öffentlichen Berichte der Kulturschaffenden über ihre Recherchen ein, die als sogenannte Paratexte die jeweiligen künstlerischen Werke flankieren und somit die Rezeption des Rezipienten steuern. Der deutschen Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Filmemacherin Merle Kröger war ein dreiminütiger youtube-Clip – also eine audiovisuelle Sequenz – aus dem Jahr 2012, die den Zusammenprall eines Kreuzfahrtschiffes mit einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer zeigt, Anlass für ihre zwei Jahre andauernden Recherchen über das Mittelmeer als Ort globaler Ungerechtigkeit und sozialer Kollisionen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit hat Kröger gleich zweifach in künstlerische Narrative transponiert: 2015 erschien im Argument Verlag mit Havarie ein 230 Seiten langer Text, der von der Presse als „Roman der Stunde“ lobend aufgenommen wurde; Anfang 2016 hatte dann der filmstiftungsgeförderte gleichnamige Dokumentarfilm von Philip Scheffner auf der Berlinale Premiere, bei dem Kröger als Drehbuchautorin und Produzentin in Erscheinung tritt.

Der Film streckt den kurzen youtube-Clip auf Spielfilmlänge – ein waghalsiges Experiment, denn der Zuschauer sieht nichts außer einem überfüllten Schlauchboot, das als winziger, von einer Bildecke zur anderen schaukelnder Punkt in den Weiten des Meeres zu verschwinden droht. Der Dokumentarfilm war anders konzipiert; auf der Homepage der Produktionsfirma pong erläutert der Regisseur Philip Scheffner die grundlegende Konzeptänderung als Reaktion auf die sich verschärfende politische Lage und die mediale Informationspolitik betreffend die Fluchtroute Mittelmeer. Die Wirkung dieser konzeptionellen Umgestaltung des Dokumentarfilms beschreibt er wie folgt:

In der Spiegelung des Wassers und der Verlangsamung des Materials entstehen "Geisterbilder": das Schlauchboot scheint sich zu vervielfältigen, sich unserem Zugriff zu entziehen, am Ende verschwindet es sogar aus dem Blickfeld. Und letztlich erspart der Film uns auch nicht den Schwenk auf die eigene Position: das riesige Schiff, Glas und Stahl, die Touristen, die auf den Punkt in der Ferne starren. Wir sind By-Stander. Wir haben uns darin eingerichtet. Der Film "Havarie" macht uns das schmerzlich bewusst.
(Produzentenstatement:
http://havarie.pong-berlin.de/de/9/produzentenstatement)

Auch der Roman greift den youtube-Clip auf und transformiert dessen Bilder in einen Text, der wiederum davon erzählt, wie der Passagier Seamus Clarke von einem Kreuzfahrtschiff aus durch seine Kamera das Schlauchboot auf dem Meer beobachtet – hier wird also das faktuale Szenario des youtube-Clips re-inszeniert. Dabei arbeitet auch der literarische Text mit Mitteln des Films:

Blau. Blaues Wasser, von oben, ohne Himmel. Leichter, rollender Wellengang. Das Bild wackelt. Mitten im Blau tanzt ein graues Schlauchboot auf den Wellen. Darin viele Menschen. Zu viele. […] Das Boot mit den Menschen drauf wird kleiner, oder das Blau wird größer, wie man’s nimmt. Winziges Boot in riesigem Blau. Noch ein brutaler Wackler, der Himmel rutscht kurz ins Bild, die Grenze zwischen Meer und Horizont ist verwischt vom Dunst. Seamus versucht scharf zu stellen, aber das Boot gerät ihm immer wieder aus der Bildmitte. Er zoomt weiter zurück. Erst erkennt man die Menschen nicht mehr. Dann das Boot nicht mehr. Was bleibt, ist ein schwarzer Fleck im Blau.
(Merle Kröger: Havarie, S. 41)

Das für die mediale Berichterstattung über Geflüchtete zentrale ikonische Bild eines überfüllten und gleichsam im Mittelmeer verlassenen Schlauchboots erfährt im Roman Ergänzung, wenn neben dem Gummiboot das Kreuzfahrtschiff mit dem symbolträchtigen Namen Spirit of Europe, der Containerfrachter Siobhan of Ireland und das Boot der Seenotrettung Salvamar Rosa auftreten. Mit diesen vier Booten und ihrer jeweiligen Besatzung führt Kröger Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen. Durch die Wahl eines multiperspektivischen Erzählzugangs folgt der Leser, sowohl zwischen den vier Booten als auch zwischen den verschiedenen Decks des Kreuzfahrtschiffes changierend, elf Biografien, die dem ersten Leseeindruck nach unterschiedlicher nicht sein könnten.

Mit dem Auf und Ab der Wellen taucht ein Erzählstrang auf, um von dem nächsten gleich einer Welle abgelöst zu werden. Nach und nach erschließt sich dem Leser, dass die einzelnen Erzählstränge durch eine von allen Figuren geteilte Erfahrung miteinander verwoben sind: Alle Biografien sind gekennzeichnet von Brüchen, alle elf Figuren teilen traumatische Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Krieg. Wenngleich sich auf Deck 12 der Spirit of Europe die Schönen und Reichen ‚tummeln‘, werden auch sie als Figuren enttarnt, die von Traumata gezeichnet sind. Im Angesicht ihrer auf das Schlauchboot gaffenden Mitreisenden erinnert sich beispielsweise die an Parkinson erkrankte alte deutsche Dame Sybille Malinowski an ihre eigene Flucht als Kind auf einem Dampfer. Als Jüdin konnte sie mit ihrer Mutter und Schwester gerade noch rechtzeitig aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen. Weiter unten, auf Deck 4, kommen bei dem Iren Seamus Clarke mit jedem Foto, das er von den Flüchtlingen macht, Erinnerungen an den gewaltvollen Nordirlandkonflikt hoch, bei dem er einen Freund verloren hat, den er nun auf dem Schlauchboot sitzend zu erkennen meint. Noch weiter unten, im Bauch der Spirit of Europe, erfahren wir von Marwan, einem syrischen Flüchtling, der illegal auf dem Schiff arbeitet und sich gemeinsam mit dem nigerianischen Flüchtling Oke einen auf den Namen Jordan Baker ausgestellten amerikanischen Pass mit gültiger Sozialversicherungsnummer teilt. Hier zeigt sich, dass der Kreuzfahrtdampfer nicht erst durch die Havarie mit dem Schlauchboot in Kontakt mit Flüchtlingen tritt, sondern diese Begegnungen zum Alltag dieser mediterranen Reiseroute geworden sind. In Krögers Roman ‚wimmelt‘ es von persönlichen Erzählungen über die historischen Katastrophen der letzten Jahrhunderte. Besonders das Mittelmeer wird im Zuge dieser Rückblenden als ein Ort kriegerischer Auseinandersetzungen perspektiviert. Und auch in Scheffners Film ‚wimmelt‘ es. Ein und dasselbe Bild taucht immer wieder auf – wir können uns ihm als Zuschauer nicht entziehen. Mit meinem Vortrag möchte ich offenlegen, wie beide Kunstwerke den youtube-Clip übersetzen und welche Bedeutung dabei Visualisierungs- und Narrativierungsstrategien zukommt – welche Affektkonzepte verfolgt werden. Zudem soll nachgezeichnet werden, inwiefern diese beiden künstlerischen Produktionen eine Gegenrede zu politisch-medialen Debatten formulieren.


Sarah Steidl, M.A., Studium der Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg mit Studienaufenthalten in Istanbul und Sofia, 2015 Abschluss des Masters mit einer Arbeit zu Balkan-Narrativen und ihren Transformationen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Abschluss-Stipendium durch die Karl H. Ditze-Stiftung), 2015-2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Stiftung Mercator-Forschungsprojekt „Geteilte Erfahrung Migration im deutsch-türkischen und türkischen Film“ (Leitung: Prof. Dr. Ortrud Gutjahr, Universität Hamburg), seit 2016 Stipendiatin im Doktorandenkolleg „Geisteswissenschaften“ der Universität Hamburg mit einem Promotionsprojekt zu Fluchtnarrativen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Betreuungsteam: Prof. Dr. Ortrud Gutjahr und Prof. Dr. Doerte Bischoff), Vorträge und Publikationen zur deutsch-türkischen Literatur, Exilliteratur (z.B. Herta Müller) und zu gegenwärtigen ‚Fluchtromanen‘ (z.B. Abbas Khider, Jenny Erpenbeck und Daniel Zipfel).

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