FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Emigration der Form? Annäherungen an Fotografien von Jonas und Adolfas Mekas


Der litauische Filmregisseur, Schriftsteller und Kurator Jonas Mekas floh 1944 gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Adolfas Mekas aus Litauen, wo er dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten angehörte. Auf der Flucht ergriffen, verbrachten sie zunächst acht Monate in einem Arbeitslager. Doch auch nach Kriegsende war eine Rückkehr in ihre Heimat unmöglich: Jonas und Adolfas Mekas zählten zu den schätzungsweise 7 Millionen displaced persons in Europa und waren in DP-Camps bei Kassel und Wiesbaden untergebracht. 1949 emigrierten beide in die USA.

Unter dem Titel I had nowhere to go wurde das Tagebuch von Jonas Mekas aus dieser Zeitspanne publiziert, welches in Auszügen, gemeinsam mit Fotografien der Brüder in der ersten Textsammlung zur documenta 14, die sich mit Flucht, Erinnerung, Schuld und Unterdrückung auseinandersetzt, wiedergegeben wird.

Auffällig ist, das die Fotografien trotz des unmittelbaren Blicks des Fotografen den Betrachter auf Distanz zum eigentlichen Geschehen innerhalb der DP-Camps zu halten scheinen. Einige nehmen fast nostalgische Züge an, während in anderen das Motiv zunehmend entschwindet.

Der Vortrag soll den Versuch darstellen, sich über eben diesen Verlust der Form, der sich durch Reduktion, Unschärfe und Monochromie darstellt, den Bildern und den dahinter liegenden Geschichten anzunähern. Dazu werde ich eine von Roger M. Buergel zur documenta 12 vorgeschlagene Methode verwenden: Die Migration der Form. Roger M. Buergel schuf innerhalb seiner Ausstellung Konstellationen aus Exponaten, die unterschiedlichen Kontexten entstammten, aber über formale Aspekte vergleichbar wurden.

An Arbeiten von Iñigo Manglano-Ovalle, Gonzalo Diaz, Walid Raad, Yan Lei, Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg, die sich alle mit Fragen von (Flucht-)Bewegungen verknüpfen lassen, möchte ich aufzeigen, dass insbesondere der Verlust von konkreter Form - somit ihre Emigration - das angemessene Mittel scheint, gleichzeitig einer Reduktion des dargestellten Kontextes als bloße Illustration vorzubeugen und dem Betrachter abverlangt, durch Narration Relation herzustellen und so aktiv an der Konstruktion von Bedeutung und Anteilnahme mitzuwirken, sich - auch körperlich - einzuschreiben.


Tim Pickartz studierte Kunst, Philosophie und Germanistik an der Universität Paderborn und erlangte 2010 sein Erstes Staatsexamen. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und hat Lehraufträge im Fachbereich „Kunst und Kunstvermittlung“ der Universität Paderborn. Er promoviert über Kuratorische Praxis, Kunstvermittlung und Vermittlungskunst auf der dOCUMENTA (13). 2012 war er Worldly Companion der Abteilung Vielleicht Vermittlung und andere Programme der dOCUMENTA (13).

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