FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Wenn die Daten Trauer tragen. Die Tode von Alan Kurdi


Das gegenwärtige Chaos der öffentlichen Kommunikation im digitalen Raum konfrontiert Menschen verstärkt mit Gewalt, Tod und Hass. Algorithmizität ist ein Ansatz zur Ordnung der unzähligen, tagtäglich hochgeladenen Daten, der nicht immer einwandfrei funktioniert. Der Künstler Khaled Barakeh veröffentlichte am 29. August 2015 ein Fotoalbum mit dem Titel »Multicultural Graveyard« auf seiner Facebookseite. Es beinhaltet sieben Fotografien von sechs auf der Flucht ertrunkenen Kindern. Die Bilder werden über 140.000 mal geteilt, verschwinden jedoch zwei Tage später, da sie als Spam markiert werden. Nach der Behebung des Softwarefehlers werden sie wieder freigegeben.

Kurz darauf verbreiten sich am 2. September 2015 Agenturbilder des auf der Flucht ertrunkenen zweijährigen Alan Kurdi weltweit zuerst in sozialen, dann auch in traditionellen Medien. Innerhalb von 12 Stunden erscheinen sie auf 20 Millionen Bildschirmen. Ein komplexer Prozess nimmt den Lauf, den ihm die gegenwärtigen Kommunikationstechnologien ermöglichen. Kann der Vater des Kindes die Bilder selbst nicht ansehen, sieht die Öffentlichkeit hin. Macht das irritierende, kurz aufleuchtende punctum des Lebens in dem eindeutigen Totenporträt das Unerträgliche erträglich, um es weltweit mitzuteilen?

Die Verbreitung des Bildes erfolgt nicht nur viral im Originalformat. Unter Hashtags wie #kiyiyavuraninsanlik oder #drownedsyrianboy verwandeln sich die Fotografien zu einem unkontrollierbaren Internet-Mem. Ein kollektives, digitales Mosaik aus individuellen Meinungsbildern entsteht. Im drastischen Gegensatz zu populären, humorvollen Memen greifen jene Sujets wie Tod, Schlaf und Wiederbelebung auf. Spricht aus dem ausgewählten Mem-Fragment die Trauer? Und stoßen Algorithmen als unsichtbare Grenzzieher angesichts des Todes und der Trauer nicht auch auf unsichtbare Grenzen?


Giannina Lisitano absolviert den Master-Studiengang Kulturwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin. Zu ihren Forschungsinteressen zählen maschinelle und menschliche Bildherstellung und -erkennung, Roboter, visueller Aktivismus und Zensur. Seit 2010 arbeitet sie freiberuflich im Kommunikati-onsbereich für Kulturprojekte. In ihrer Bachelorarbeit im Fach Kommunikations- und Kulturwis-senschaft an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen untersuchte sie Wissenskulturen in kol-lektiven und experimentellen Arbeitsprozessen.

Uni HH Logo Logo Zeit-Stiftung DGVN Logo