FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Bilder vom Leid in ökonomischen Strukturen


Sowohl in der gesellschaftlichen und politischen Debatte wie auch der medialen Aufbereitung und Berichterstattung über die Flüchtlingsthematik in Deutschland werden häufig nur die direkten Ausläufer und Auswirkungen thematisiert und repräsentiert. Dass Kriege fern ab der eigenen Haustür ein wichtiges Zahnrad im Getriebe von Fluchtbewegungen sind, die uns als gleichsam schreckliche Ausläufer dieser Ereignisse erreichen, ist eine banale Feststellung. Spannend wird diese Tatsache, fragt man nach den Möglichkeiten, die sich Menschen fern ab von Kriegen bieten, sich ein Bild von Kriegsgeschehnissen zu machen.

In der journalistischen Berichterstattung über Kriege, die für die meisten Menschen die einzige Möglichkeit eines Verständnisses und Zugangs bildet, spielen Fotografien eine wesentliche Rolle. Eingebettet in ein enges Netz aus ökonomischen und ästhetischen Bedingungen, die gesellschaftlich und wirtschaftlich gewachsen und tief verwurzelt sind, stellt sich die Frage, wie sich diese Bedingungen auf die Rezeption des Betrachters auswirken und wie sich konkrete Bildmerkmale im Verhältnis zu diesen Rahmenbedingungen verhalten und beschrieben werden können. Diese Frage ist für Fotografien, die Kriegsgeschehnisse abbilden, besonders virulent, da Kriegsfotografie immer, ob direkt oder indirekt, vom Leid anderer Menschen berichtet und daher in besonderem Maße Fragen nach Authentizität, Objektivität und den moralischen Implikationen aufwirft.

In der Frage danach, welche Fotos mit welchen Inhalten besonders präsent sind und wie Fotos aussehen können, die diesen Bedingungen zuwiderlaufen, bietet das Fotobuch War Porn von Christoph Bangert mit nicht veröffentlichten Bildern aus verschiedenen Krisengebieten der letzten Jahre, interessantes Material. Anhand von Bangerts Fotografien lässt sich untersuchen, auf welche Weise sich ökonomische Strukturen von Ausstellung und Gebrauch in Fotografien vom Leid anderer Menschen widerspiegeln.

Durch Analyse von Aspekten der Ausstellung und des Ausstellungswertes können vor dem Hintergrund ökonomischer Strukturen des Kapitalismus, Merkmale der Bilder herausgearbeitet werden, die gewohnte Rezeptionsmuster unterlaufen und potentiell einen anderen Zugang zu diesen Fotografien denkbar machen. Um die möglichen Wirkungen der Fotografien vor den beschriebenen ökonomischen Strukturen näher diskutieren zu können, ist die Analyse der performativen Prozesse zwischen Fotografie und Betrachter hilfreich. So soll anhand von Bangerts Fotografien gezeigt werden, wie sich ausgehend von spezifischen Bildmerkmalen performative Prozesse des Sehens und Betrachtens verhalten und beschrieben werden können sowie in Relation setzen lassen zu den ökonomischen Strukturen, in welchen diese Fotos rezipiert werden.


Jochen Lamb: Studium der Theaterwissenschaft im Master an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Institut für Film- Theater- und empirische Kulturwissenschaft und der Universität Leipzig. B.A. Theaterwissenschaft und Philosophie an der JGU Mainz. Neben dem Studium ist er in der Organisation und Gestaltung verschiedener Theater- und Jugendkulturfestivals tätig. Interessenschwerpunkte sind Theater als kulturelle Praxis, Kultur- Theater- und Medientheorie, Fotografie und Performativität.

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