FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Von Assur bis Athen. Bilder der Flucht aus dem Alten Orient als Neubeginn der Griechischen Kunst (900–700 v. Chr.)


Zwischen 900 und 700 v. Chr. dehnten die Könige der Assyrer ihre Macht schrittweise nach Syrien, an die Mittelmeerküste und bis nach Zypern aus. In ihren Verwaltungsurkunden und Tatenberichten ist nicht nur von den Eroberungen die Rede, sondern auch von den Zehntausenden, die aus den neu gewonnenen Gebieten westlich des Euphrat in das assyrische Kernland deportiert wurden. In den Schriftquellen scheinen aber auch jene auf, die die Flucht vor den Assyrern ergriffen und sich nach Westen absetzten.

Im selben Zeitraum entstehen in den Kulturen des griechischen Festlandes und auf Kreta die ersten figürlichen Darstellungen der griechischen Eisenzeit. Immer wieder verweist die Wissenschaft auf die nahöstliche Herkunft vieler der neuen Bilder. In Athen zeigen sich diese Ursprünge nur als ferner Reflexe; auf Kreta jedoch so deutlich, dass nicht gezögert, wird von eingewanderten östlichen Künstlern auszugehen. Eine regelrechte "orientalisierende" Kunstepoche setzt dann auf dem griechischen Festland ab 700 v. Chr., auf Kreta aber bereits wesentlich früher ein. Offensichtlich stellte die Mittelmeerinsel zusammen mit ihrem östlicheren Pendant Zypern die Schaltstelle vieler Kontakte zwischen der Levante und dem Westen dar.

Hinsichtlich der Form dieser Vermittlung von Know-How und Bildmotiven geht die Forschung in der Regel von Handelskontakten und einem Austausch von Prestigegütern aus. Liegt es aber nicht nahe, die Flüchtlingsströme aus dem Osten und die kulturellen Inputs im Westen gemeinsam zu betrachten? Waren es nicht die mesopotamischen und nordsyrischen Flüchtlinge, die ihre handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten im Westen feil boten? Und lösten somit nicht Flüchtlingswellen jene Impulse aus, die die westliche Bilderwelt für immer revolutionieren sollten?

Im Tagungsbeitrag sollen die einschlägig bekannten Motivimporte in der Bilderwelt des frühen Griechenlands nach ihren möglichen nahöstlichen Hintergründen befragt werden. Lassen sie sich als Bilder der Flucht oder des Traumas lesen? Und inwiefern boten sie dann Anstoss zu Prozessen der Identitätsbildung in den autochtonen "westlichen" Gesellschaften?


Matthias Grawehr: 1997-2003 Studium der Klassischen Archäologie, Vorderorientalischen Archäologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Hamburg, 2006 Promotion in Klassischer Archäologie, 2006-2008 Auslandsaufenthalte in Damaskus und Rom, seit 2008 wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Basel und Zürich

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