FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Innere Flucht bei Kollektive Aktionen


Seit 1976 organisierte die KünstlerInnengruppe „Kollektive Aktionen“ über 140 Aktionen im Moskauer Umland. Dabei entstand eine Vielzahl von Bildern, die die TeilnehmerInnen auf weiten, leeren und lichtdurchfluteten Feldern zeigen. Die Ausflüge zu den Aktionen, bei denen so gut wie nichts passiert, scheinen etwas Dunkles und Einengendes hinter sich gelassen zu haben. Gerade diese Bilder gehen seit 1977 um die ganze Welt: Zeitschriften und Ausstellungen in den USA und im westlichen Europa reproduzieren sie immer wieder. Sie stehen für die Befreiung von sowjetischer Propaganda und als ein verzweifelter Versuch, der Perspektivenlosigkeit des sowjetischen Regimes zu entfliehen.

Prominenz fand dieses Bild im Westen zunächst durch Ilja Kabakow, der von Anfang an ein regelmäßiger Teilnehmer der Aktionen von Kollektiven Aktionen war – bis er Mitte der 1980er Jahre in die USA emigrierte. Erst als er emigrierte, zeigte er seine, zuvor in seinem Moskauer Atelier produzierte, Installation „Der Mann, der aus seiner Wohnung in den Kosmos flog“ (Centre Pompidou 1989). Dort ist ein Katapult in einer zurück gelassenen Wohnung zu sehen. In diesem Vortrag soll zunächst der politische Hintergrund, der diese Bilder im Zuge ihrer Verbreitung im Westen produzierte, analysiert werden. Dem gegenüber steht der Entstehungskontext dieser Bilder: Begriffe wie „innere Emigration“, lange private Gespräche über T. Manns Zauberberg und Wu Cheng’ens Reise gegen den Westen prägten ganz entscheidend auch die Ästhetik der weniger bekannten Wohnungsaktionen. Die „innere Flucht“ findet bei Kollektiven Aktionen Ausdruck in Bildern der „Jakobsleiter“.

Der Vortrag wird diese zwei Fluchtbilder kritisch hinterfragen: Hier stehen sich die neoliberale Ideologie der freien Zirkulation von Waren und Menschen auf der einen, und der nationalistisch geprägte Wunsch, allein in der Heimat zurück zu bleiben auf der anderen Seite, gegenüber. Die Aktualität der Fluchtbilder im Westen schallt in das Aufkommen des Nationalismus in Russland hinein, der einer Massenemigration der 1990er folgte.


Marina Gerber ist Doktorandin am Institut Kunstwissenschaft und Ästhetik, Universität der Künste Berlin und ihre Dissertation (“Empty Action: Labour and Free Time in the Art of Collective Actions”) wird gerade von Martina Dobbe und Gregor Stemmrich begutachtet. Zwischen 2012 – 2015 war sie Kollegiatin am Graduiertenkolleg “Das Wissen der Künste”, UdK Berlin, wo sie u.a. die Jahrestagung “...macht aber viel Arbeit. Kunst–Wissen–Arbeit” (09.-11.10.2014) mitkonzipierte und –organisierte, die Lehrveranstaltung “Art Without Work. Ein Schlüsselbegriff in der Geschichte der Kunst des 20. Jh.” leitete. Der von ihr und ihrer Kollegin herausgegebene Tagungsband „Das Wissen der Arbeit und das Wissen der Künste“ erscheint im Herbst 2016 beim Fink Verlag. Während ihres Studiums der Angewandten Kulturwissenschaften, mit dem Schwerpunkt Kunst- und Bildwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg (2004-2010) und ihres Auslandsjahrs am Centre for Research in Modern European Philosophy und am Department of Fine Art, Middlesex University, London (2008 – 2009) war sie Mitherausgeberin von Artist in Residence: Neue Modelle der Künstlerförderung (2008). Seit 2010 publizierte sie Rezensionen in Art History, Third Text, Philosophy of Photography, Mute, Das Wissen der Künste, und Aufsätze in Texte zur Kunst und in Das Wissen der Arbeit und das Wissen der Künste (im Erscheinen bei Fink). Sie referierte u.a. auf der Association of Art Historians Conference, auf dem Schweizerischen Kongress für Kunstgeschichte, auf dem International Forum for Doctoral Candidates in East European Art History, Humboldt Universität Berlin, und auf den Tagungen “Performance and Labour”, UCL, London, und “You Were not Expected to Do This: On the Dynamics of Production”, Heinrich Heine Universität, Düsseldorf.

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