FLÜCHTIGE BILDER:
AFFEKT // REPRÄSENTATION

Eine trans- und interdisziplinäre Veranstaltung an der Universität Hamburg

Panikformeln. Einige ideologische Framings von Katastrophenüberlebenden


Wenn eine Gesellschaft von einer Katastrophe getroffen wird, gerät das öffentliche Leben in doppelter Hinsicht in eine Krise: Nicht nur werden diejenigen Infrastrukturen und Institutionen zerstört oder behindert, die Öffentlichkeit herstellen (Presse, zivile Versammlungsorte usw.), sondern auch die Sphäre der Repräsentation selbst wird in Frage gestellt – im politischen wie im ästhetischen Sinne. Wer ‚repräsentiert‘ eine Gesellschaft, wenn ihre Institutionen sich als unfähig erwiesen, eine Katastrophe abzuwenden; wie kann eine Gesellschaft in der Krise dargestellt werden, wenn der Krisenmoment auch die gewohnten Weisen der Bildproduktion außer Kraft setzt?

Der Ausnahmezustand wird so zum Freiraum für ideologische Interpretationen des ‚chaotischen‘ Geschehens. Diese führen ihrerseits zu Handlungsaufforderungen, um das Chaos auf die eine oder andere Weise zu bewältigen – oftmals als Argument für (polizeiliche oder militärische) ‚Ordnungsmaßnahmen‘ gegenüber bestimmten Menschengruppen. Ein eindringliches Beispiel sind die Bilder von Überlebenden des Hurrikans „Katrina“ 2005: Fotos im Wasser watender Menschen mit Einkaufstüten aus verlassenen Supermärkten konnten so wahlweise als ‚Plünderer‘ oder sich selbst versorgende Opfer ‚identifiziert‘ werden, wobei diese Identifikation wenig überraschend rassistischen Schemata folgte. Die Figur des ‚Plünderers‘ kann bereits als klassisches Motiv des Krisendiskurses gelten, selbst wenn sie historisch an die jeweilig marginalisierten Gruppen innerhalb einer Gesellschaft ‚angepasst‘ wird. Ideologisierte Bilder und Erzählungen um diese Figur finden sich weit vor „Katrina“ in Darstellungen moderner Katastrophen wie dem Brand von Chicago 1871 oder dem Erdbeben in San Francisco 1906. Entsprechend leicht lassen sich Anschlüsse an die Darstellung von Immigranti*innen als ‚Plünderern‘ aufzeigen – hier dient die ideologisierte Figur zur medialen Beschwörung eines Ausnahmezustands, selbst (und gerade) wenn de facto nicht von einer Katastrophe gesprochen werden kann.

Zwischen ‚Plünderern‘ und ‚panischen Massen‘ spannt sich eine Ikonographie der ‚Krisenfiguren‘ auf, die sich aus bestehenden Motivfeldern herleitet und in die aktuellsten einfließt. Wenn das rechtsradikale Magazin Compact Einwanderer auf einem Titelbild als Zombiehorde inszeniert, wird dabei eine Bildtradition der Entmenschlichung und Entindividualisierung aufgerufen, wie sie in der Zeit der frühen Illustrierten auch für Bilder des ‚panischen‘ Mobs während urbaner Katastrophen benutzt wurde. 2005 protestierten wiederum die Überlebenden „Katrinas“ gegen die Bezeichnung als „Refugees“ an Stelle von „Evacuees“, da sie darin einen strategischen Versuch sahen, sie als (unerwünschte) Fremde im eigenen Land zu stigmatisieren. Eine historische Analyse solcher Figuren soll helfen, die ideologische Rahmung von Bildern von Menschen in Krisenzeiten nachzuvollziehen – und die konkreten Handlungsaufforderungen zu erkennen, die darin kodiert sind.


Jacob Birken (*1978 in Katowice) studierte Kunstwissenschaft und Philosophie an der HfG Karlsruhe und schloss 2006 mit einer Arbeit zu Schuld als Metapher ab. Er arbeitete 2005-2007 als Projektassistent für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin; 2009-2012 war er Volontär für das ZKM Karlsruhe und Ko-Kurator der Ausstellung „The Global Contemporary“ (2011). Als Ausstellungsmacher arbeitete er am unabhängigen Kunstraum: Morgenstraße und organisierte 2014 für das Kulturbüro der Stadt Karlsruhe das Kunstprogramm „Memoires Perdues“ zu Spuren des Ersten Weltkriegs. 2012-2014 war er akademischer Mitarbeiter am Projekt „Images of Disasters“ der Universität Heidelberg; daraus hervorgegangen ist ein aktuelles Dissertationsprojekt über künstlerische und mediale Bilder des Erdbebens und Großbrands 1906 in San Francisco. Seit 2015 ist er künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Fachklasse Kunst im zeitgenössischen Kontext an der Kunsthochschule Kassel. Er veröffentlicht zu Fragestellungen von Geschichte & Geschichtlichkeit in Kunst und populären Medien, wie dem Konzept der ‚Zeitgenossenschaft‘ der Kunst oder Verbildlichungen politischer & epistemologischer Ausnahmezustände.

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